Friedhof der Namenlosen

Ein Besuch der Gräber beim Alberner Hafen ist wohl kaum mit einem klassischen Friedhofbesuch zu vergleichen. Aber gerade deswegen möchte ich dem Friedhof und besonders jenen Menschen, die dort ihre letzte Ruhe gefunden haben, einige Zeilen widmen.

Der Friedhof der Namenlosen befindet sich in Wien Simmering im Bezirksteil Albern. An dieser Stelle trieb früher ein Wasserstrudel die Körper von Ertrunkenen an Land, die oftmals bis zur Unkenntlichkeit zersetzt waren. Ein reguläres Begräbnis blieb zumeist verwehrt, nicht zuletzt aufgrund der damaligen Vorbehalte dass diese Menschen vereinzelt in der Donau ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt hatten. Die Leichen wurden schlicht eingegraben und so entstand ab 1840 der erste Friedhof der Namenlosen, der immer wieder überschwemmt wurde und heute nicht mehr besteht.

Im Jahr 1900 entstand auf Initiative des damaligen Bezirksvorstehers unter freiwillliger Mithilfe von ansässigen Handwerkern hinter dem Hochwasserschutzdamm ein zweiter Friedhof, den ich vor kurzem besucht habe. Einige aktuelle Aufnahmen möchte ich euch nicht vorenthalten …

1935 wurde eine Einsegnungskapelle sowie eine steinerne Umfassungsmauer errichtet. Durch den Bau des Alberner Hafens ab 1939 änderte sich die Strömung des Flusses und die letzte Beisetzung erfolgte nach offiziellen Angaben im Jahr 1940. Auf dem Friedhof, der als „stillgelegt“ gilt, wurden 104 Wasserleichen beerdigt, von welchen nur 43 identifiziert werden konnten. Auf den meisten schlichten eisernen Kreuzen mit weißer Christusfigur ist damit die Inschrift „Unbekannt“ oder „Namenlos“ angebracht.

Der frühere ehrenamtliche Totengräber Josef Fuchs (1906-1996) kümmerte sich bis zu seinem Lebensende mit großer Sorgfalt um den Friedhof und wurde vom Land Wien mit dem Goldenen Verdienstzeichen geehrt. Jedes Jahr hält der Fischereiverband Albern eine Gedenkfeier ab. Eine Sequenz im US-Film „Before Sunrise“ und eine Episode der „SOKO Donau“ wurden am Friedhof der Namenlosen gedreht. Der Schriftsteller Georg Schmid veröffentlichte 1982 seinen Roman „Friedhof der Namenlosen“ und auch andere Literaten haben auf diesen Ort durchaus Bezug genommen.

Der Friedhof im Bereich des Alberner Hafens ist in der Bevölkerung wenig bekannt und nicht ganz leicht zu finden. Eine öffentliche Anreise ist mit der Buslinie 76A (ab Kaiserebersdorf) möglich,  von der Haltestelle ist noch ein kurzer Fußweg durch das Gelände des Alberner Hafens zurückzulegen.

Links:
de.wikipedia.org – Friedhof der Namenlosen
friedhof-der-namenlosen.at – Friedhof der Namenlosen

Buchtipp:

Namenlos – kompakt:
Handbuch für den Friedhof der Namenlosen in Wien
von Heribert Renkin
Verlag Vienna Academic Press
Taschenbuch, 140 Seiten

Ein Kommentar

  • Silvia

    Es ist eine gute Idee von dir, diesen Friedhof der Namenlosen einmal ins Interesse zu rücken.
    Die Inschrifttafel hat mich sehr berührt – das Schicksal dieser fast Vergessenen geht einem Nahe…

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