Der Selbstgerechte – Geschichten aus dem Cafe Steiner

Eine vorangegangene Geschichte unter dem Titel „Die vorsichtige Rückkehr“ handelte davon, dass ich dem Cafe Steiner nach längerer Auszeit wieder einen Besuch abgestattet hatte. Das kleine Kaffeehaus im 2. Wiener Gemeindebezirk war mir über einige Jahre durchaus sehr vertraut. Allmählich waren mir aber die Gesprächsrunden des öfteren als zu oberflächlich und zugleich auch belastend erschienen. Dies mag durchaus mit dem bei mir zunehmend stärker gewordenen Ruhebedürfnis zusammenhängen, läßt sich aber möglicherweise auch an einzelnen Charakteren festmachen.

Im den letzten Monaten war ich nur mehr äußerst sporadisch im Cafe Steiner anzutreffen, doch bietet ein kurzer Besuch vom November einen guten Anlaß um von einer weiteren Begebenheit erzählen zu können. Und wie auch schon vereinzelt zuvor wird der etwa 50jährige Ludwig, der von seinen Freunden gerne Wickerl genannt wird, eine Hauptrolle darin spielen dürfen. Ich erinnere mich noch gut daran, wie Ludwig stets sein übersteigertes Selbstbewußtsein zur Schau tragen wollte. Auch wenn ich mich von diesem Stammgast stets abzugrenzen versucht hatte war es eben vor wenigen Monaten soweit, dass ich den selbsternannten Gerechtigkeitsfanatiker wieder in voller Fahrt erleben konnte.

Einige Hintergründe möchte ich aber vorweg noch erwähnen. Am 25. November 2015 hatten die Eigentümer der Handelskette „Zielpunkt“ verlautbart, dass das Unternehmen insolvent wäre. Der Lebensmittelhändler verfügte zuletzt über etwas mehr als 250 Filialen, hatte seinen Schwerpunkt in Ostösterreich und beschäftigte rund 2.700 Mitarbeiter. Diese mußten in der Vorweihnachtszeit mehrere Wochen zuwarten, bis ihnen das ausständige Gehalt vom Insolvenzentgeltfonds ausbezahlt wurde und viele von ihnen stehen vor einer ungewissen Zukunft.

Diese Umstände sind in Zeiten einer Rekordarbeitslosigkeit alles andere als schön, waren aber auch nicht das eigentliche Thema an dem besagten Abend im Cafe Steiner. Ludwig sah nämlich wieder einmal seine Stunde gekommen um sich an der Schank über seinen letzten Besuch in einer „Zielpunkt“-Filiale zu echauffieren. Er hätte bei vorangegangenen Einkäufen sogenannte Treuepunkt in Wert von drei Euro gesammelt und heute von der Kassiererin erfahren müssen, dass er diese nicht mehr einlösen könne. Es spielte für Ludwig natürlich keine Rolle, dass die geltende Rechtslage bei einem insolventen Unternehmen kein anderes Vorgehen ermöglicht, denn er hatte die wahren Schuldigen schon längst erkannt. Einige wenige Auszüge aus seiner vermeintlichen Argumentation möchte ich euch nicht fortenthalten …

„Das ist die größte Kundenverarschung, die ich jemals erlebt habe. Ihr könnt mir doch nicht erzählen, dass niemand etwas von dieser Pleite gewußt hätte. Es wäre die verdammte Pflicht der Wurstverkäuferin gewesen mich vorweg zu warnen, damit ich die Treuepunkt sofort einlöse.“

Ist es wirklich notwendig, diese Wortmeldungen noch zu kommentieren? Nicht unbedingt, wie ich meine – aber es ist mir ein Bedürfnis, der vorgebrachten Rhetorik ein wenig auf den Grund zu gehen. Belastet es Ludwig wirklich, dass er seine Treuepunkte nicht mehr einlösen kann oder ist die Aufregung gespielt? Was bezweckt der Kunde mit seinem aggressiven Auftreten? Welche Reaktionen erwartet er sich? Fühlt er sich stark, will er sich als Opfer stilisieren, möchte er bewundert oder bedauert werden? Unter den Gästen bekam der Selbstgerechte jedenfalls nicht die erhoffte Aufmerksamkeit und die wenigen Aussagen dazu lagen irgendwo zwischen „mir doch egal“ und „wieder so eine Frechheit“.

Ich hatte das Gespräch am Rande mitverfolgt und muß gestehen, dass ich mich nicht dazu äußern wollte. Auch wenn mir bewußt ist, dass ich damit die eigene äußerst widersprechende Sichtweise unter den Teppich gekehrt habe, war es mir ein größeres Anliegen meine Nerven nicht durch ein Wortgefecht mit Ludwig zu belasten. Aber ich stellte mir insgeheim durchaus die Frage, ob niemanden die äußerst subjektiven Unsinnigkeiten in Ludwigs Botschaften auffielen – oder ob die anderen Gäste vielleicht lediglich, wie ich selbst, eine Diskussion auf diesem Niveau meiden wollten.

Natürlich finde ich es nicht erfreulich, dass auch gekaufte Gutscheine in einem solchen Fall durch die Bestimmungen des Insolvenzrechts praktisch ihren Wert verlieren. Die Kunden hätten lediglich die Möglichkeit ihre Forderungen beim Masseverwalter anzumelden, was zumeist wenig sinnvoll erscheint. In Relation zum Gesamtschaden bei einer Insolvenz ist der Verlust von Ludwigs Treuepunkten wohl doch äußerst stark zu relativieren. Ich möchte mir besser gar nicht vorstellen, was sich die Verkäuferin – die unverschuldet in eine prekäre Lage geraten war – sich von diesem und möglicherweise auch noch anderen Kunden anhören mußte.

Ich kann und will nicht beurteilen, ob und wann die Insolvenz absehbar war – diese Frage ist von den zuständigen Instanzen zu beurteilen, die wohl auch ein fahrlässiges Verhalten des Managements ahnden würden. Ludwig hat es sich hier aufgrund seines vereinfachten Weltbildes wieder besonders leicht gemacht. Nach seiner Sichtweise hätte „die Wurstverkäuferin“ doch alles schon gewußt. In Wahrheit haben die Mitarbeiter – wie glaubhaft berichtet wurde – großteils aus den Medien, also zeitgleich mit den Kunden, von der Pleite erfahren.

Pedro

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