Heast Oida – Ansichtssache

Es ist eine mehr als legitime Erscheinung der heutigen Zeit, daß sich die Menschen in Autobus und Bahn mit ihrem Smartphone die Zeit vertreiben. Die technischen Angebote sind äußerst vielfältig und stellen das reine telefonieren schon beinahe in den Schatten. Solange sich der Autofahrer nicht vom Verkehr ablenken lässt und ich nicht von einem SMS schreibenden Fußgänger am Gehweg „abgeschossen“ werde (tatsächlich beinahe geschehen) kann ich mit diesem Umstand gut leben. Es geht mir auch bestimmt nicht darum das Smartphone zu verdammen, da ich ein solches – wenn auch nicht exzessiv – seit vielen Jahren nutze und es mir gute Dienste leistet.

Vor einigen Wochen war ich mit der Straßenbahn unterwegs in die Wiener Innenstadt. Gegenüber von mir hatte eine junge Dame Platz genommen, die sich in einem Telefonat mit Bekannten über ihre vermeintlichen Sorgen und Nöte austauschen wollte. Es liegt mir fern die im Alltag aufgeschnappten Dialoge fremder Menschen zu beurteilen und zumeist kann ich diese auch relativ gut aus meiner Wahrnehmung ausblenden. Wie kommt es aber dazu, daß ich nun einer solchen Banalität einige Zeilen in meiner Kolumne widme? Ich kann euch versichern, daß bestimmt nicht die inhaltlichen, sondern vielmehr die sprachlichen Details mich letztlich dazu bewogen haben.

Jedenfalls mußte ich feststellen, daß mir mit meinen bald 45 Lebensjahren die Sprache mancher Teenager bereits fern erscheinen kann. Besonders aufgefallen war mir, daß in dem Telefonat überdurchschnittlich häufig der Begriff „Oida“ fiel. „Des is urbehindert, Oida.“ „Heast Oida, wach auf.“ „Na, Oida, was is mit du?“ – um nur einige, aus meiner Sicht doch besonders sinnentleerte, Floskeln aufzuzeigen. Ich will keinesfalls verallgemeinernd behaupten, daß „die Jugend“ heute so spricht – aber ein gewisser Gruppenzwang in manchen Cliquen dürfte schon bestehen.

Dem dargebotenen Lamentieren in Verbindung mit einer für mich nicht nachvollziehbaren Sprache wollte ich mich dann doch nicht länger aussetzen. Es zeigte sich, daß mich allzu vereinfacht vorgebrachte Negativbotschaften massiv belasten können und ich entschied mich für einen anderen Sitzplatz in der Straßenbahn. Dem jungen Fahrgast wird dieser Umstand keinesfalls bewußt oder auch egal gewesen sein. Ich möchte den anderen Menschen keinesfalls das Wort verbieten und in diesem Fall hat sich auch eine mehr als brauchbare Lösung abgezeichnet. Etwas schwieriger kann es sein, wenn ich im weiteren zwischenmenschlichen Umfeld zuwenig bereit bin auf derartige belastende Faktoren hinzuweisen.

Es ist mir bewußt, daß ich in dem heutigen Beitrag den klassischen Dialekt und sprachliche Floskeln ein wenig sträflich vermische. Der Dialekt ist seit jeher, wie auch die Sprache selbst, einem laufenden Wandel unterzogen, der zwischen den Menschen entsprechende Unterschiedlichkeiten zutage bringen kann. Das ist grundsätzlich mehr als legitim …

Ein Sprachcampus in Wien-Mariahilf bietet seit kurzem einen Workshop an, in welchem der Wiener Dialekt unterrichtet wird. Die von einem aus Bayern stammenden Trainer initierte Maßnahme ist für Menschen gedacht, welche Deutsch als Fremdsprache lernen, diese zumindest auf dem Niveau „B1“ beherrschen und nun auch die „Einheimischen“ in Wien verstehen wollen. Der Dialekt Workshop dauert etwa zwei Stunden und soll sich bereits zahlreicher interessierter Teilnehmer erfreuen.

Als gebürtiger Wiener mußte ich durchaus ein wenig schmunzeln, als ich in den Medien erstmalig von diesem Workshop las. Nicht nur das Wienertum, sondern praktisch auch jede andere Region kann einen Dialekt vorweisen. Dieser fördert die Identität und das Gemeinschaftsgefühl, wobei sich dessen Begriffe nicht zwangsweise im Duden wiederfinden werden. Es würde mir womöglich auch nicht leicht fallen beispielsweise dem ausgeprägten Dialekt eines Westösterreichers vollinhaltlich zu folgen. Ein Problem wird sich dennoch nicht ergeben, solange die Gesprächspartner bereit sind im Bedarfsfall auf eine alternative Wortwahl zurückzugreifen. Die Voraussetzung besteht naturgemäß darin, daß dieser alternative Wortschatz – ich möchte bewußt auf die Bezeichnung „Hochdeutsch“ verzichten – vorhanden ist. In einem Jobportal konnte ich nachlesen, daß jene Menschen, deren Vokabular zu stark von vereinfachenden Floskeln geprägt ist, in einem Vorstellungsgespräch mancherlei Probleme haben können. Wobei ich mir nicht sicher bin, wieweit das eingangs erwähnte „Heast Oida“ überhaupt mit irgendeinem traditionellen Dialekt zu vergleichen ist.

Ich möchte euch abschließend versichern, daß es keinen einheitlichen Wiener Dialekt gibt, sondern sich dieser unter den mehr als 1,8 Millionen Bewohnern der Bundeshauptstadt sehr vielfältig darstellt. Die einschlägigen TV-Serien – allen voran der „Mundl“ in den 70er Jahren – wurde zwar keineswegs frei erfunden und war eine aus meiner Sicht wertvolle Milieustudie, sollte aber auch nicht als allgemeingültige Darstellung überinterpretiert werden. Das wäre auch nicht im Sinne des 2012 verstorbenen Autors Ernst Hinterberger …

Pedro

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