Klagelied

Bereits vor mehr als zwei Jahren habe ich unter dem Titel „Wer raunzt gewinnt“ einige Zeilen verfasst. Heute möchte ich meinen Gedanken dazu vertieft nachgehen …

Ich hatte dem Beitrag bewusst einen etwas pointierten Titel gegeben, welcher meine alltägliche Wahrnehmung wiederspiegeln sollte. Es ging mir in der Abhandlung um jenen Personenkreis, bei dem sich das Klagelied bereits verinnerlicht hat und dieser Umstand dem eigenen Vorteil sehr zuträglich erscheinen mag. Daraus ließe sich ableiten, dass das Lamentieren durchaus bewusst und strategisch eingesetzt werden kann. Das Verhalten mancher Menschen lässt für mich auch Zeichen von übersteigerter Selbstverliebtheit erkennen. Wenn jemand pausenlos darauf hinweist, dass er so arm, mitgenommen und überlastet sei wird er von seinen Mitmenschen wohl eher geschont oder begünstigt als jener, der möglicherweise auch unbewusst ausstrahlt alles im Griff zu haben. Die daraus resultierenden Ungerechtigkeiten können in der Arbeitswelt wie auch dem Privatleben  beobachtet werden. Unverständlich ist und bleibt für mich der Umstand wie sorglos einzelne Menschen ihrem eigenen Vorteil zuliebe dazu bereit sind Mitleid erregen zu wollen.

Es ist mir bewusst, dass meine heutigen Zeilen manchen Lesern zynisch erscheinen könnten. Denn – so würde wohl der Einwand lauten – warum darf man nicht darauf hinweisen, wenn es einem nicht gut geht? Dazu sage ich ganz klar: Man darf nicht nur auf persönliche Probleme hinweisen, sondern man sollte es in angemessener Form auch unbedingt tun um von den Mitmenschen besser verstanden zu werden. Aber meine Kritik bezieht sich auf jene Menschen, die sich ständig auch über jede Kleinigkeit echauffieren und dabei nicht verstehen wollen, dass sie die Nerven ihrer Mitmenschen über Gebühr strapazieren. Nicht selten habe ich mir schon gedacht, dass ich solche Menschen nicht erleben möchte wenn sie mal mit schwerwiegenden Problemen konfrontiert werden würden – wenngleich ich ihnen wünsche, dass ihnen solche erspart bleiben

Aber wahrscheinlich liegt es auch an meinem sensiblen Wesen, dass dieser Umstand meine Gedankenwelt nachhaltig belastet. Es ist mir schon öfters aufgefallen, dass ich dazu neige die Botschaften und auch einzelne Worte intensiver auf die Waagschale zu legen als es mir gut täte. Daraus resultiert dann wohl meine problematische Beziehung zum Small Talk, mit dem ich noch nie viel anfangen konnte. Erschwerend kommt noch hinzu, dass es mir oftmals nicht möglich erscheint den Mitmenschen meine Denkungsweise plausibel vor Augen zu führen. „Da musst du halt einfach weghören.“, lauten dann die wohl gut gemeinten Ratschläge. Das eine oder andere mal habe ich das dann auch schon versucht, aber es gelingt nur selten.

Bereits in vorangegangenen Beiträgen habe ich auf meine Rhetorik hingewiesen, die fälschlich das Bild eines selbstsicheren, emotionsarmen und nüchternen Pragmatikers wiederspiegelt. Natürlich habe ich auch selbst das Bedürfnis mich bei Problemen mit anderen Menschen austauschen zu können. Allerdings steht dann für mich die gezielte und gemeinsame Suche nach einer Lösung im Mittelpunkt. Ebenso stehe ich auch Freunden gerne mit Rat und Tat zur Seite, wenn es mir möglich erscheint etwas zum besseren zu bewenden.

Es ist mir schon klar, dass die zwischenmenschliche Kommunikation nicht primär aus sachbezogenen Abhandlungen besteht und – abhängig von der Situation – der Unterhaltungswert nicht zu kurz kommen sollte. Dieser Umstand wird in der Gesellschaft aber offenbar sehr unterschiedlich interpretiert, da Probleme für mich eigentlich keinen Unterhaltungswert sondern lediglich einen Auftrag zum Handeln beinhalten können. Wenn sich Menschen in meiner Gegenwart über Banalitäten aufregen ist dies für mich schlichtweg nervtötend. Andererseits kann ich aber auch nichts zu einer Lösung beitragen, da eine solche doch gar nicht wirklich gesucht wird. Als besonders belastend erlebe ich oftmalig die mit einem feindseeligen Unterton vermittelte harsche und zugleich banale Kritik an Zeitgenossen und Umständen.

Soeben habe ich mir den Beitrag „Wer raunzt gewinnt“ aus dem Jahr 2013 nochmals durchgelesen. Darin findet sich der Hinweis, dass es dem verschlossenen Charakter schwerer fallen wird notwendige Einblicke in seine Psyche zu gewähren. Auch wenn ich es damals nicht direkt zum Ausdruck gebracht habe waren diese Zeilen in erster Linie auf meine eigene Person gemünzt. In der Psychotherapie möchte ich versuchen auch dieses Problemfeld anzusprechen, wobei sich aus meiner heutigen Sicht folgende Lösungsansätze in Kombination zueinander anbieten könnten …

  • Ich müsste erreichen, dass Negativbotschaften und das Raunzertum nicht mehr nachhaltig in meine Gedankenwelt eindringen können. Dies kann ein schwieriger Weg sein, von dem man sich nicht allzu viel erwarten sollte.
  • Besonders wichtig wäre es die Mitmenschen auch auf belastende Faktoren hinzuweisen – auch wenn dies mit dem Risiko behaftet ist trotz alledem nicht verstanden zu werden.
  • Als letzte Konsequenz bestünde die Möglichkeit mich von solchen Gesellschaften fernzuhalten.

PFL

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