Tschocherl Report – Ansichtssache

Nach dem österreichischen Wörterbuch ostarrichi.org steht das Substantiv „Tschocherl“ für ein „kleines, meist schlechtes Café“. Meine heutigen Zeilen behandeln zwei Bücher, in denen die Autoren von ihren bunten Erlebnissen in manchen Wiener Tschocherln berichten.

Den zahlreichen Besuchern, welche die Bundeshauptstadt jedes Jahr erkunden wollen, werden diese Lokale  wohl verborgen bleiben. Die Stadt Wien bietet zweifellos ein sehr vielfältiges gastronomisches Angebot, welches besonders in der Innenstadt mit Glanz und Glamour nicht geizt. Aber Touristenpfade können auch nur einen Teilaspekt einer Stadt aufzeigen – welcher sich zumeist auf die kulturellen und historischen Sehenswürdigkeiten konzentriert.

Auch selbst würde ich bei einem Besuch in Berlin, London oder Paris  vorrangig die innerstädtischen Lagen besuchen wollen. Und möglicherweise würde ich auch dort, nicht zuletzt aus Zeitmangel, manche Subkulturen gar nicht kennenlernen. Die Autoren wollten die „unbekannten Wohnzimmer Wiens“ portraitieren, stellen uns manche Stammgäste vor und bieten interessante Einblicke.

In jedem zweiten Lokal ist das Wort „Familie“ gefallen, der Chef ist oft der „Papa“ oder die Chefin die „Mama“. Diese Wärme spürt man, und sie hat das Image von Tschocherln für mich schon zum Positiven gedreht “  erzählte der Journalist Arthur Fürnhammer in einem Interview mit dem „Standard“ von seinen Streifzügen. Der „Tschocherl Report“ ist 2013, dessen zweiter Teil vor wenigen Monaten im Verlag Löcker erschienen.

Beide Taschenbücher habe ich bereits daheim und konnte darin ein wenig blättern. Das Interesse wurde vielleicht auch geweckt, da mir diese Lokalszene – welche sich vorrangig in den äußeren Bezirken findet – bestimmt nicht ganz verborgen geblieben ist. Der nicht allzu große Gastraum wird meist von einer massiven Schank, rustikalen Möbeln sowie einem TV-Gerät und einem Dartautomaten geprägt. Die Speisekarte geht nur selten über den Schinken-Käse-Toast hinaus und ausgefallene Kaffeekreationen oder Cocktails wird man hier nicht bestellen können.

Es ist eine eingeschworene Gemeinschaft, die sich in diesen Lokalen regelmäßig einfindet. Es gibt sie zwar nicht nur Wien, hier aber wohl deutlich häufiger als anderswo. Und auch wenn manche Menschen beim Gedanken an das Tschocherl die Nase rümpfen mögen ist es für die dortigen Stammgäste dennoch kaum wegzudenken …

Pedro

 

buch_tschocherl1.
Tschocherl Report: Die unbekannten Wohnzimmer Wiens – Zwischen Fluchtalterl und Gesellschaftskritik
von Arhur Fürnhammer, Peter Mayr
erschienen im September 2013, Verlag Löcker
broschiert, 169 Seiten

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Tschocherl Report 2: Jetzt erst recht. Wiener Urgesteine – in alter Manier und neuer Wortgewald
von Arthur Fürnhammer, Mario Lang
erschienen im Oktober 2016, Verlag Löcker
broschiert, 160 Seiten

 

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