Weltautistentag – Geschichten aus dem Cafe Steiner

Der jährliche Weltautistentag am 2. April soll über die sogenannten Autismus-Spektrums-Störungen informieren und dabei helfen ein stärkeres Bewußtsein herzustellen. Der Aktionstag ist aus meiner Sicht leider nicht allzu bekannt und der Autismus wird in der Bevölkerung auch gerne auf das Oscar-gekrönte Filmdrama „Rain Man“ mit Dustin Hofmann und Tom Cruise reduziert. In meinen heutigen Zeilen möchte ich aufzeigen, wie leicht das Verhalten von Betroffenen unerkannt bleiben oder auch falsch interpretiert werden kann.

Bereits in vorangegangenen Geschichten hatte ich von Lukas, einem jungen Stammgast im Cafe Steiner, erzählt. Wir hatten einige Parallelen in unseren Sichtweisen erkannt und es entwickelte sich rasch eine freundschaftliche Basis. Auch wenn wir nur sporadisch in unserem Stammlokal zusammentrafen ergaben sich stets besonders tiefgehende Gespräche, die auch von einem gegenseitigen Vertrauensverhältnis untermauert waren.

Als ich im April vorigen Jahres ins „Steiner“ kam saß Lukas alleine an der Schank und war sichtlich in seiner Gedankenwelt versunken. Wir hatten uns seit etwas mehr als zwei Wochen nicht mehr gesehen und ich nahm neben ihm Platz. „Pedro, darf ich heute mit dir etwas ganz persönliches besprechen?“, waren die ersten Worte von Lukas, die mich gleichermaßen überrascht wie auch neugierig gemacht hatten. Dazu möchte ich erwähnen, dass wir uns schon oft über durchwegs persönliche Aspekte ausgetauscht hatten und die gegenseitige Unterstützung für mich auch stets wichtig war.

„Hast du schon mal etwas vom Asperger Syndrom gehört?“, wollte Lukas von mir wissen, nachdem wir uns auf einem kleinen Kaffeehaustisch umgesetzt hatten. „Nein, das sagt mir jetzt leider nichts“, mußte ich erwidern, „aber wie kommst du denn darauf?“. In weiterer Folge schilderte Lukas, dass er von einem Kollegen – einem der wenigen, von denen er sich nach eigener Aussage verstanden fühlen würde – darauf angesprochen wurde. Dieser hätte ihm erzählt, dass bei seinem zwölfjährigen Sohn das Asperger Syndrom diagnostiziert wurde und er bei Lukas einige ähnliche Verhaltensmuster bebobachten könne.

Unter dem Asperger Syndrom wird eine eher milde Variante innerhalb des Autismusspektrums bezeichnet. Diese wäre vor allem durch Schwächen in den Bereichen der sozialen Interaktion und Kommunikation sowie durch stereotype Aktivitäten und Interessen gekennzeichnet. Das Kontakt- und Kommunikationsverhalten kann merkwürdig oder ungeschickt erscheinen, die Betroffenen werden dann oftmals als etwas wunderlich wahrgenommen. Weitere Informationen finden sich unter de.wikipedia.org sowie in einschlägigen Portalen.

Ich hatte mich mit den Autismusspektrumsstörungen noch viel zu wenig beschäftigt um eine klare Aussage treffen zu können. Aber zugleich war ich äußerst interessiert an den Ausführungen von Lukas, wobei mir nicht verborgen blieb dass ihm dieses Thema persönlich recht nahe ging. „Aber wie ist denn dein Kollege auf die Idee gekommen, dass du das Asperger Syndrom aufweisen könntest?“, versuchte ich vorsichtig nachzufragen.

„Nun, im ersten Moment war ich etwas perplex, da ich schließlich auch noch nie etwas davon gehört hatte.“, schilderte Lukas. Doch die ersten Ausführungen des Kollegen seien ihm schlüssig erschienen und hätten ihm dazu veranlaßt ein wenig zu recherchieren. Dabei stieß er auf den Hinweis, dass der österreichische Kinderarzt Hans Asperger das Syndrom 1944 erstmals beschrieben hatte, welches Jahrzehnte später nach ihm benannt wurde. In der ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation ist definiert, dass sich das Asperger Syndrom „ausnahmslos bereits im Kleinkindalter oder der Kindheit“ zeigt.

Und tatsächlich, so erzählte Lukas, hätte er sich bereits in der Volksschule aufgrund von sozialen Schwächen stets in einer Außenseiter-Rolle gesehen und sei von den Schulkollegen stets schikaniert worden. Der schlimmste Gegenstand sei für ihm der Turnunterricht gewesen, da sich hier nicht nur seine Ungeschicklichkeit sondern auch das fehlende Gruppenempfinden massiv bemerkbar machten. Er hätte es aber auch nie in Betracht gezogen sich zu beklagen und der Turnlehrer beurteilte ihm in der Hauptschule stets mit einem „Genügend“. Aufgrund seines verschlossenen Charakters dürfte sich niemand veranlaßt gesehen haben die Hintergründe seines Verhaltens zu beleuchten. Die beste Note konnte er dafür im Deutsch-Unterricht verbuchen, was aus stilistisch besonders ausgeklügelten Formulierungen in Aufsätzen resultierte, auch wenn diese als wenig angemessen für ein Schulkind erschienen.

„Jetzt versteh ich zwar, dass du es damals nicht einfach hattest. Aber was hat das denn mit deinem heutigen Leben zutun?“, versuchte ich nachzuhacken. Der Kollege wußte tatsächlich nichts von Lukas Kindheitserlebnissen, doch würden sich vergleichbare Verhaltensmuster abgemildert auch heute durchaus zeigen. Das Arbeiten im vertrauten kleinen Team würde er durchaus schätzen, doch wisse er daß ihm der Erstkontakt mit anderen Menschen und ungewohnte Abläufe vor eine nicht zu unterschätzende Herausforderung stellen würden. Einem sachlichen Gespräch sei er keinesfalls abgewandt, doch hätte so mancher Small Talk in der Pausenzone schon seine Nerven strapaziert. Er wolle sich dies aber nicht anmerken lassen und versuche den Umstand zu überspielen, da er zu sehr befürchten würde sich selbst ins Abseits zu stellen. Und die unschönen Konsequenzen einer Außenseiter Rolle hätte er schließlich nicht nur in der Schulzeit, sondern auch in den ersten Berufsjahren in einem anderen Unternehmen erleben müssen.

Die Zeit war an diesem Abend im Cafe Steiner besonders rasch verstrichen und das Thema hatte mich durchaus ein wenig gefesselt. Kurz vor Mitternacht erwähnte Lukas, dass er die neue Erkenntnis über ein mögliches Vorliegen des Asperger Syndroms auf sich beruhen lassen wolle. Er sei dankbar, dass er nun eine Erklärung für manche Aspekte seiner Persönlichkeit gefunden hätte, wolle aber auf keine Hilfestellung zurückgreifen. Schließlich wäre er auch bisher ohne einer solchen ausgekommen …

Es fällt mir nicht leicht die letzte Aussage von Lukas zu beurteilen, wenngleich ich sie ansatzweise nachvollziehen kann. Natürlich bestünden Möglichkeiten einer psychosozialen Diagnostik und Therapie, doch bleibt die Frage im Raum stehen welche Erwartungshaltung man damit verbinden mag.

Pedro

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